Januar 2003

Wenn der Blinddarm doch einen Nutzen hat...

Christine (32) + Thomas (29)

Sicher ist, dass der Blinddarm keine Augen hat und somit gar nicht blind sein kann. Nicht klar ist jedoch, ob er überhaupt einen Nutzen hat. In meinem Fall hatte mein Blinddarm einen Nutzen, wenn auch nicht im medizinischen Sinne.

Statt mich, Thomas, während meiner Sommerferien Ende Juli 2002 auf sandigem Boden in der Sonne zu wälzen, wälzte ich mich in weissen Laken in einem dieser unbequemen Spitalbetten: Eine akute Blinddarmentzündung forderte einen chirurgischen Eingriff und vermieste mir meine Ferienpläne.

Wer spontan aus dem Alltag gerissen und zu absoluter Passivität verdammt wird, hat viel Zeit zum Nachdenken. Einige Schweisstropfen, welche sich dabei auf meiner Stirn bildeten, stammten nicht nur von der zu warmen Bettdecke: Mit bald einer Drei am Rücken, immer weniger Haaren auf dem Kopf (die Brusthaare scheinen resistenter zu sein J) und einem zu dominierenden Berufsleben hatte ich immer noch nicht jemanden zum Liebhaben gefunden. Etwas musste sich ändern.

Während meinen umdisponierten "Sommer-Ferien" im Oktober habe ich mich dann mit der Absicht, vielleicht online jemanden zu finden, hinter meinen PC gesetzt. Es brauchte mehrere Versuche und kostete einige Enttäuschungen, bis ich (nur) eine, eher etwas scheu formulierte Antwort von der drei Jahre älteren Christine erhielt.

Aus dem einen Mail folgte ein wochenlanger E-Mail-Verkehr, anhand dessen ich von ihrer Hass-Liebe zu Fischstäbchen ebensoviel erfuhr wie über ihr Faible für "spacige" Turnschuhe - um nur einiges zu nennen. Ich mochte ihre Mails und wir schienen auf der gleichen Wellenlänge eingestimmt zu sein. Ein (erstes) Treffen schien "unausweichlich".

Ein Bild von ihr hatte ich nicht und umgekehrt verlangte sie auch keines von mir. Auch das schätzte ich an ihr, nicht weil ich mich wegen meinen äusseren Attributen hätte verstecken müssen. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass jede Persönlichkeit und ihre Wirkung auf andere nie über ein zweidimensionales Bild "rüberkommt".

Wenn ich einer Person begegne, schaue ich ihr normalerweise zuerst in die Augen. Nicht so an jenem regnerischen Samstag Nachmittag im November, als ich mich zum Treffpunkt des HB Zürichs begab: Mein Augenmerk richtete sich auf jegliche Art von Schuhen, vor allem aber auf "spacige" Turnschuhe, da sie solche tragen würde.

Leute, kauft wieder mehr Halbschuhe! Wie sollte ich am meistfrequentiertesten Ort der Schweiz, wo jeder zweite Turnschuhe trägt, Christine ausmachen? Zum Glück erkannte sie mich aufgrund meiner äusseren Beschreibung schon von weitem, sodass sie lächelnd auf mich zukam. Ein Lächeln, das ich heute noch vor mir sehe (und von dem ich später noch viel mehr bekam).

Wegen des schlechten Wetters suchten wir Schutz in einem ersten, später in einem zweiten, etwas gemütlicheren Lokal. Die anfängliche Verklemmtheit wich schnell der gegenseitigen Vertrautheit, die wir schon vom Schriftverkehr her kannten. Bei unseren sehr offenen und tiefgründigen Diskussionen bestätigte sich, was sich schon aus ihren Mails abzeichnete: Ich mochte sie, je älter der Tag wurde.

Um soviel wie möglich von unserer ersten Begegnung zu haben, bot sie mir im Laufe des späteren Nachmittags an, auf ihrem Sofa zu übernachten, statt den letzten Zug nach Hause nehmen zu müssen. Ich nahm selbstverständlich dankend an.

Alsdann planten wir den Rest des Tages und verbrachten zusammen noch einen gemütlichen Abend.

Wir leben (momentan) zu weit voneinander entfernt, als dass wir uns täglich sehen können. Doch ich halte es hier gleich wie mit der Anzahl Antworten auf meine Anzeige: Es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität die zählt. So ist die Freude jedes Mal gross, wenn wir uns bei der nächsten Begegnung wieder in die Arme schliessen können.

Herzliche Grüsse Thomas